Wer tiefer in die Ahnenforschung einsteigen möchte, kommt nicht um die Auswertung verschiedener Dokumente herum. Doch dies kann sich unter Umständen schwierig gestalten. In diesem Artikel verraten wir Ihnen, wie Sie mehr aus Ihren Unterlagen herausholen können.

Inhalte Anzeigen

Die Ahnenforschung beschränkt sich nicht nur auf Kirchenbücher und Standesamtsregister. Gerichtsakten und Notariatsregister bergen oft einzigartige Einblicke in das Leben Ihrer Vorfahren – von Erbschaftsstreitigkeiten über Ehekonflikte bis hin zu wirtschaftlichen Verhältnissen. Dieser Artikel zeigt Ihnen, wie Sie diese Quellen nutzen, wo Sie sie finden und welche Geheimnisse sie enthüllen können.

Warum seltene Quellen der Ahnenforschung eine wertvolle Ergänzung sein können

Siegel auf einer alten Urkunde.

Nicht wenige auch junge Menschen wollen mehr über ihre Ahnen wissen – gerade in einer chaotischen Zeit, die von schnellen Veränderungen geprägt ist, bietet die Genealogie ein sinnstiftendes und identitätsbildendes Hobby. Und die Recherche ist so einfach wie nie. Zahlreiche digitale Quellen der Ahnenforschung und DNA-Analysen stehen zur Verfügung, mit denen man oft schon einen Großteil der Informationen erhalten kann. Die zweite wichtige Ressource ist die eigene Familie: Erzählungen und Unterlagen wie Briefe oder offizielle Dokumente sind ein entscheidender Teil der Forschungsreise.

Doch manche möchten noch tiefer einsteigen oder haben noch nicht ausreichende Unterlagen, um zum Beispiel einen Familienstammbaum oder eine Familienchronik zu erstellen. Hier kommt man oft nur mit analogen Quellen weiter. Doch ist der Umgang mit diesen oft ungewohnt und schwierig, und die relevanten Informationen müssen teilweise erst entschlüsselt werden.

In diesem Artikel wollen wir näher auf die „Detektivarbeit“ eingehen, die alte Dokumente oft erfordern, zumal sich die relevanten Dinge für Laien manchmal nicht gleich erschließen. Wir konzentrieren uns insbesondere auf:

  • Gerichtsakten und Notariatsregister – Gibt es interessante Ergänzungen zur Familiengeschichte, über die nicht gesprochen wurde?
  • Kirchenbucheinträge – Wie kann man diese lesen und welche Informationen sind verschlüsselt?

Lassen Sie uns gemeinsam einen näheren Blick auf diese Quellen der Ahnenforschung werfen.

Gerichtsakten und Notariatsregister als Quellen der Ahnenforschung

Gerichtsakten und Notariatsregister als Quellen der Ahnenforscher sind Goldminen, weil sie oft persönliche Schicksale, wirtschaftliche Verhältnisse und familiäre Konflikte dokumentieren – Informationen, die in klassischen Quellen wie Kirchenbüchern oder Standesamtsregistern fehlen. Hier erfährst du, welche Akten es gibt, wo Sie sie finden und wie man sie auswertest.

Welche Arten von Gerichtsakten gibt es?

Gerichtsakten lassen sich grob in zivilrechtliche, strafrechtliche und sonstige behördliche Dokumente unterteilen. Aus diesen kann man erstaunliche viele Informationen ziehen. Jede Kategorie bietet andere Einblicke, auf die wir im Folgenden eingehen.

Zivilrechtliche Akten

Zivilrechtliche Akten als Quellen der Ahnenforschung behandeln private Streitigkeiten, Verträge und Familienangelegenheiten wie eine Erbschaft. Besonders relevant für Ahnenforscher sind Erbschafts- und Testamentsakten, Vormundschaftsakten, Ehescheidungs- und Ehekonfliktdokumente, Grundbücher und Hypothekenakten.

Erbschafts- und Testamentsakten

  • Was steht drin?
    • Namen von Erben, Verwandtschaftsverhältnisse, Besitzaufteilungen.
    • Manchmal uneheliche Kinder, die erst im Testament erwähnt werden.
    • Konflikte zwischen Familienmitgliedern (z. B. Enterbungen).
  • Beispiel: Ein Testament aus dem Jahr 1890 offenbart, dass ein Großonkel ein uneheliches Kind in den USA hatte, das er enterbt hatte – ein bisher unbekannter Familienzweig.

Vormundschaftsakten

  • Was steht drin?
    • Daten zu Waisen, unehelichen Kindern oder Minderjährigen, deren Eltern verstorben waren.
    • Namen der leiblichen Eltern (auch wenn sie nicht verheiratet waren).
    • Wirtschaftliche Verhältnisse (z. B. wer für die Erziehung aufkam).
  • Besonderheit:
    • In Preußen wurden ab 1794 Vormundschaftsprotokolle geführt, die oft genaue Geburtsdaten und Familienkonstellationen enthalten.

Ehescheidungs- und Ehekonfliktakten

  • Was steht drin?
    • Gründe für Scheidungen (z. B. „bösliches Verlassen“, Ehebruch, Alkoholismus).
    • Zeugenaussagen, die Lebensumstände und Charaktereigenschaften beschreiben.
    • Manchmal Adressen von Verwandten, die als Zeugen geladen wurden.
  • Historischer Kontext:
    • Vor 1900 waren Scheidungen sehr selten – wenn sie vorkamen, waren die Akten oft besonders detailliert.

Grundbücher und Hypothekenakten

  • Was steht drin?
    • Wer besaß welches Grundstück?
    • Kaufverträge, Schulden, Zwangsversteigerungen.
    • Berufliche Hinweise (z. B. wenn ein Vorfahre als „Müller und Grundbesitzer“ aufgeführt wird).
  • Tipp:
    • In Preußen wurden ab 1872 amtliche Grundbücher geführt. Ältere Eintragungen finden sich in Hypothekenbüchern (ab 17. Jh.).

Strafrechtliche Akten

Zu den weiteren Quellen der Ahnenforschung gehören auch strafrechtliche Akten. Strafprozesse dokumentieren Anklagen, Vergehen und ihre Folgen – von kleinen Diebstählen bis zu schweren Verbrechen. Diese sind immer im historischen Kontext zu betrachten.

Polizeiberichte und Verhörprotokolle

  • Was steht drin?
    • Persönliche Angaben (Alter, Beruf, Wohnort).
    • Lebensläufe (z. B. „Der Angeklagte ist seit 10 Jahren als Wanderarbeiter unterwegs“).
    • Beziehungen zu Mittätern oder Opfern (manchmal Verwandte).
  • Beispiel: Ein Diebstahlsprotokoll von 1845 nennt nicht nur den Täter, sondern auch seine Geschwister und Eltern – weil die ganze Familie in Armut lebte.

Strafregister und Haftakten

  • Was steht drin?
    • Vorstrafen, Haftdauer, Entlassungsdaten.
    • Fotos (ab ca. 1880) und körperliche Merkmale (Narben, Tätowierungen).
  • Besonderheit:
    • In Preußen gab es ab 1852 zentrale Strafregister, die heute im Bundesarchiv lagern.

Hexenprozesse und Sittlichkeitsdelikte

  • Was steht drin?
    • Anklageschriften, Zeugenaussagen, Urteile.
    • Oft soziale Strukturen (z. B. wer denunzierte wen?).
  • Historischer Kontext: Die letzten Hexenprozesse in Deutschland fanden erst 1775 statt (z. B. in Kempten).

Notariatsregister

Auch Notariatsregister sind ergiebige Quellen der Ahnenforschung. Notare beglaubigten Verträge, Testamente und Kaufverträge. Ihre Akten sind besonders wertvoll, weil sie wirtschaftliche Aktivitäten dokumentieren und auch Familienstrukturen offenlegen können.

Kauf- und Verkaufsverträge

  • Was steht drin?
    • Wer verkaufte was an wen? (Häuser, Länderien, Handwerksbetriebe).
    • Preise und Zahlungsmodalitäten (z. B. Ratenzahlungen über Jahre).
  • Beispiel: Ein Kaufvertrag von 1820 zeigt, dass ein Vorfahre ein Gasthaus besaß – ein bisher unbekannter Berufszweig innerhalb der Familie.

Eheverträge und Mitgiftvereinbarungen

  • Was steht drin?
    • Finanzielle Absprachen vor der Hochzeit.
    • Familienverbindungen (z. B. wenn die Mitgift von einem Onkel stammte).
  • Besonderheit:
    • In katholischen Regionen waren Eheverträge oft Pflicht, um das Erbe zu regeln.

Gesellschaftsverträge (z. B. für Handwerksbetriebe)

  • Was steht drin?
    • Wer war an einem Betrieb beteiligt?
    • Berufliche Netzwerke (z. B. wenn ein Müller mit einem Bäcker eine Gesellschaft gründete).
    • Wer war eventuell Nachfolger des Betriebs?

Wo findet man Gerichtsakten und Notariatsregister?

Akten im Archiv.

Nachdem wir gesehen haben, welche wertvollen Quellen der Ahnenforschung Gerichts- und Notarakten sind, stellt sich die Frage, wo diese zu finden sind, wenn sie sich nicht im Familiengesitz befinden. Die Suche nach diesen Akten erfordert etwas Detektivarbeit. In diesem Abschnitt nennen wir Ihnen die wichtigsten Anlaufstellen:

Staats- und Landesarchive

  • Zuständig für: Historische Gerichtsakten (vor 1871 oft bei Landgerichten, danach bei Amtsgerichten).
  • Beispiele:
  • Tipp:
    • Viele Archive haben Online-Findbücher, in denen Sie nach Namen oder Orten suchen können.
    • Schreiben Sie eine E-Mail an das Archiv und fragen Sie nach Akten zu deiner Familie – oft helfen Archivare gerne bei der Suche!

Kirchliche Archive

  • Zuständig für: Eheprozesse, Vormundschaften, Testamente (besonders in katholischen Regionen).
  • Beispiele:
  • Besonderheit:
    • In katholischen Diözesen gibt es oft eigene Gerichtsakten (z. B. für Ehenichtigkeitsverfahren).

Stadt- und Gemeindearchive

  • Zuständig für: Lokale Gerichtsakten (z. B. Schöffengerichte, Polizeiakten).
  • Tipp:
    • Fragen Sie beim örtlichen Heimatverein nach – oft kennen sie undokumentierte Bestände.

Online-Portale

Tatsächlich sind auch Quellen der Ahnenforschung im Bereich von Gerichtsakten und Notariatsunterlagen bereits digitalisiert. Die folgende Tabelle zeigt die wichtigsten Online-Portale.

PortalInhaltLink
FamilySearchDigitalisierte Gerichtsakten (v. a. aus Preußen und Österreich)familysearch.org
ArchionEvangelische Kirchenbücher inkl. Gerichtsakten (kostenpflichtig)archion.de
AncestryIndexierte Gerichtsakten (v. a. aus den USA, aber auch deutsche Bestände)ancestry.com
MatriculaKatholische Kirchenbücher mit Eheprozessenmatricula-online.eu

Spezialarchive

In besonderen Fällen helfen auch weitere Archive weiter, z. B. für Unterlagen aus dem dritten Reich:

  • Bundesarchiv (Berlin): Für Reichsgerichtsakten (1879–1945) und NS-Justizakten, aber auch ältere Unterlagen, z. B. aus dem Heiligen Römischen Reich. Auch das Stasi-Archiv ist hier zu finden. Hier geht es zur Recherche.
  • Städtische und Landesarchive: Auch regionale Archive dienen als Quellen der Ahnenforschung und bieten zusätzlich noch reichhaltige Informationen zu regionalen geschichtlichen Begebenheiten.
  • Staatsarchive in Osteuropa: Wenn deine Ahnen aus Schlesien, Böhmen oder Galizien stammen, sind die Archive in Polen, Tschechien oder der Ukraine zuständig.

Praktische Tipps für die erfolgreiche Suche

  • Beginnen Sie lokal: Suchen Sie zuerst in Gemeindearchiven oder beim Heimatverein deines Ahnenortes.
  • Nutzen Sie Findbücher: Viele Archive haben Online-Kataloge, in denen Sie nach Namen oder Orten suchen können.
  • Fragen Sie Experten: In Facebook-Gruppen wie „Ahnenforschung Deutschland“ oder auf Genealogy.net helfen erfahrene Forscher.
  • Seien Sie hartnäckig: Manche Akten sind nicht digitalisiert – dann müssen Sie sie vor Ort einsehen (Termin ausmachen ist meisten nötig) oder eine Kopie anfordern, wobei Gebühren anfallen.
  • Dokumentieren Sie alles: Sofern erlaubt, machen Sie Fotos oder Scans der Akten und speicheren sie mit Quellenangabe (Archiv, Signatur, Datum). Es ist wichtig, sich vorher eine einheitliche Benennung und Sortierung zu überlegen.

Wie liest und interpretiert man Gerichtsakten?

Eine altes Register.

Nun haben Sie alle wichtigen Unterlagen gesammelt, doch stehen eventuell vor einem Problem: Alte Quellen der Ahnenforschung sind oft schwer lesbar – sowohl von der Handschrift als auch von der Sprache her. Der folgende Schritt-für-Schritt-Leitfaden hilft Ihnen dabei und listet Ressourcen auf, die Ihnen weiterhelfen.

Die Handschrift entschlüsseln

  • Deutsche Kurrent und Sütterlin lesen:
  • Abkürzungen verstehen:
    • Viele Akten verwenden lateinische Abkürzungen (z. B. „u.x.“ = „uxor“ = Ehefrau).
    • Hier finden Sie eine Liste gängiger Abkürzungen: GenWiki-Abkürzungen

Juristische Begriffe verstehen

Eine weitere Hürde sind juristische Begriffe. Es gibt verschiedene Website, z. B. Das Rechtslexikon, bei denen man diese Begriffe recherchieren kann. Die Tabelle listet nur die am häufigsten vorkommenden Ausdrücke auf.

BegriffBedeutung
KlägerDie Person, die eine Klage einreicht.
BeklagterDie Person, gegen die geklagt wird.
ZeugeEine Person, die aussagt (oft Verwandte oder Nachbarn!).
ProtokollantDer Schreiber, der das Protokoll aufnimmt.
UrteilDie Entscheidung des Gerichts.
VormundEine Person, die für Minderjährige oder Unmündige verantwortlich war.
LegatEin Vermächtnis in einem Testament.
PfandbriefEin Schuldschein, oft für Grundstücke.

Wichtige Fragen an die Akten – was können Sie herauslesen?

Das Entziffern und das Verstehen von Fachbegriffen ist das Eine, aber wie genau können Sie vorgehen, um alles Wichtige in Ihren Quellen der Ahnenforschung zu finden? Die folgende Checkliste hilft Ihnen dabei, an alles zu denken.

Checkliste zur Interpretation von Unterlagen bei der Familienforschung

  1. Wer ist beteiligt?
    • Gibt es Verwandte als Zeugen, Kläger oder Beklagte? Wenn nicht, kennen Sie andere Beteiligte und können Sie diese oder deren Nachkommen eventuell persönlich fragen?
  2. Was ist der Streitgegenstand?
    • Worum ging es, z. B. eine Erbschaft oder Ehescheidung oder um Schulden?
  3. Wann und wo spielte es sich ab?
    • Datums- und Ortsangaben helfen, weitere Quellen zu finden.
  4. Gibt es wirtschaftliche Hinweise?
    • Können Sie etwas über Besitzverhältnisse, Berufe, Schulden herauslesen?
  5. Werden Charaktereigenschaften beschrieben?
    • Zeugenaussagen enthalten oft persönliche Einschätzungen (z. B. „der Angeklagte gilt als trunksüchtig“). Diese müssen nicht unbedingt objektiv sein.

Drei praktische Beispiele aus der Forschung

Fall 1: Ein uneheliches Kind im Testament

  • Fundort: Testament aus dem Staatsarchiv München (1867).
  • Inhalt: „Mein Sohn Karl, geboren 1845, ist nicht von meiner Ehefrau, sondern von der Magd Anna H. Ich vermache ihm 200 Gulden, damit er eine Lehre beginnen kann.“
  • Folge: Der Forscher fand heraus, dass Karl später nach Amerika auswanderte – ein bisher unbekannter Familienzweig.

Fall 2: Ein Diebstahlsprozess offenbart eine ganze Familie

  • Fundort: Polizeiakten im Landesarchiv NRW (1830).
  • Inhalt: Ein Bauer wurde angeklagt, Holz aus dem Wald des Nachbarn gestohlen zu haben. In den Verhörprotokollen tauchen seine Frau, sein Bruder und ein Schwager als Zeugen auf.
  • Folge: Der Forscher konnte die gesamte Familie rekonstruieren, obwohl es keine Kirchenbucheinträge gab.

Fall 3: Ein Ehekonflikt mit überraschenden Details

  • Fundort: Ehescheidungsakte im Bistumsarchiv Trier (1905).
  • Inhalt: Eine Frau klagte auf Scheidung, weil ihr Mann sie „jährlich mit einem Stock züchtigte“. Zeugen sagten aus, dass er Alkoholiker war und das Familienvermögen verspielt hatte.
  • Folge: Die Akten enthielten Namen von Geschwistern, Eltern und sogar einer Geliebten des Mannes.

Rechtliche Hinweise

Bei der Einsicht von Quellen der Ahnenforschung in verschiedenen Archiven müssen Sie einiges beachten:

  • Datenschutz: Akten, die jünger als 100 Jahre sind, unterliegen oft Sperrfristen.
  • Nutzungsrechte: In einigen Archiven dürfen Sie keine Fotos machen, entweder aus Datenschutzgründen oder um die Dokumente nicht zu beschädigen. Erkundigen Sie sich vorab nach den Regeln.
  • Kosten: Manche Archive verlangen Gebühren für Kopien oder Rechercheaufträge.

Kirchenbucheinträge: Verschlüsselte Eintragungen mit Geheimcodes

Selten genutzte Quellen der Ahnenforschung sind Gerichtsakten.

Wie Sie bereits wissen, sind Kirchenbücher sind die wichtigsten Quellen der Ahnenforschung. Doch nicht alles, was darin steht, ist auf den ersten Blick verständlich. In vielen Regionen Europas wurden bestimmte Personengruppen nicht direkt benannt, sondern mit Codes, Abkürzungen oder Euphemismen versehen. Diese verschlüsselten Eintragungen können Familiengeheimnisse enthüllen – wenn man sie zu lesen weiß.

Warum gab es Geheimcodes in Kirchenbüchern?

Kirchenbücher waren nicht nur religiöse Dokumente, sondern auch soziale Kontrollinstrumente. Pfarrer und Standesbeamte mussten Moralvorstellungen und Gesetze ihrer Zeit beachten. Daher wurden bestimmte Personengruppen nicht offen benannt, sondern verschlüsselt eingetragen:

  • Uneheliche Kinder: Sie galten als „Sünde“ und durften nicht einfach als z. B. „Kind der Anna M.“ eingetragen werden.
  • Jüdische Bürger: In vielen Regionen wurden sie separat erfasst oder mit Sonderkennzeichen versehen.
  • Adoptionen und Findelkinder: Ihre Herkunft sollte oft verschleiert werden.
  • Kriminelle oder sozial Geächtete: Prostituierte, Diebe oder „Zigeuner“ (Sinti und Roma) wurden oft nicht namentlich genannt.
  • Kinder aus Inzest oder Vergewaltigung: Diese Fälle wurden besonders diskret behandelt.

Die folgenden Abschnitte zeigen Ihnen, welche Codes es gibt, wie Sie sie entschlüsseln und was sie über Ihre Ahnen verraten.

Uneheliche Kinder

Uneheliche Geburten waren ein soziales Tabu – daher finden sich in Kirchenbüchern oft codierte Eintragungen wie die folgenden.

Code/EintragBedeutungBeispiel
„N.N.“Nomen nescio (lat.) = „Name unbekannt“ (Vater nicht genannt).„Anna, Tochter der Maria M. und N.N.“
„incognito“„Unbekannt“ (Vater nicht benannt).„Karl, Sohn der Elisabeth S. incognito“
„von unbekannter Vaterschaft“Vater nicht bekannt oder nicht anerkannt.„Sophie, unehel. Kind, Vater unbekannt“
„+“ oder „bastardus“Lateinische oder veraltete Bezeichnungen für „unehelich“.„+ 1850: Peter, bastardus“
„ex copula illegitima“„Aus einer unrechtmäßigen Verbindung“.„Johannes, ex copula illegitima“

Hintergrund:

  • In katholischen Regionen (z. B. Bayern, Österreich) wurden uneheliche Kinder oft ohne Vaternennung eingetragen.
  • In protestantischen Gebieten (z. B. Preußen) fand man manchmal Hinweise auf den Vater in separaten „Bastardbüchern“.

Wie Sie in einem solchen Fall weiter vorgehen können

Wenn Ihnen die Kirchenbücher nicht weiterhelfen, dann können Sie wie folgt weiterrecherchieren:

  • Vormundschaftsakten durchsuchen – sie nennen oft den leiblichen Vater.
  • Gerichtsakten prüfen (z. B. Alimentationsklagen der Mutter).
  • DNA-Tests können heute helfen, den Vater zu identifizieren.

Jüdische Bürger

In vielen europäischen Regionen wurden Juden nicht in die normalen Kirchenbücher eingetragen, sondern in separaten Registern oder mit Sonderkennzeichen.

Code/EintragBedeutungBeispiel
„Jude“ oder „Jud.“Direkte Bezeichnung (häufig in Preußen ab 1812).„David L., Jud.“
„Israel“ / „Sara“Zwangsnamen für jüdische Männer/Frauen (Preußen, 18. Jh.).„Israel Levi, Sohn des Moses“
Hebräische NamenParallel zu deutschen Namen (z. B. „Moses“ statt „Moritz“).„Moritz (Moses) Cohen“
Separate „Judenzählungen“Eigene Register für jüdische Gemeinden.„Judenzählung 1825, Gemeinde Frankfurt“

Hintergrund:

  • Ab 1812 mussten Juden in Preußen feste deutsche Vornamen annehmen (z. B. „Israel“ für Männer, „Sara“ für Frauen).
  • In Österreich-Ungarn gab es „Matriken für Israeliten“ (getrennte Kirchenbücher).
  • In Polen und Russland wurden Juden oft nur in hebräischen Registern geführt.

Wie Sie in einem solchen Fall weiter vorgehen können

  • Jüdische Matriken in Archiven suchen (z. B. Gesher Galicia).
  • Holocaust-Datenbanken wie Yad Vashem nutzen.
  • Synagogengemeinden kontaktieren – sie haben oft eigene Archive.

Adoptionen und Findelkinder

Kinder, die ausgesetzt, adoptiert oder in Waisenhäusern aufwuchsen, wurden oft nicht mit ihren leiblichen Eltern verknüpft.

Code/EintragBedeutungBeispiel
„Findelkind“In einem Findelhaus (z. B. Wien, München) abgegeben.„Anna, Findelkind, aufgenommen 1875“
„expos.“Expositus (lat.) = „ausgesetzt“.„Karl, expos. vor der Kirche“
„Pflegekind“Bei einer anderen Familie aufwuchs (nicht leibliches Kind).„Maria, Pflegekind bei Familie Müller“
„Zögling“In einem Waisenhaus oder Kloster.„Johann, Zögling im Waisenhaus Dresden“

Hintergrund:

  • Findelhäuser gab es in fast allen größeren Städten (z. B. Wien, München, Berlin).
  • Adoptionen wurden oft informell geregelt – ohne offizielle Papiere.
  • Kirchenbücher verraten manchmal nur den Ziehvater, nicht den leiblichen Vater.

Wie Sie in einem solchen Fall weiter vorgehen können

  • Findelhaus-Akten in Stadtarchiven suchen.
  • Waisenhaus-Register durchforsten (z. B. im Landesarchiv).
  • DNA-Tests können helfen, leibliche Verwandte zu finden.

Sozial Geächtete: „Zigeuner“, Prostituierte, Kriminelle

Personen, die am Rande der Gesellschaft lebten, wurden oft nicht namentlich eingetragen.

Code/EintragBedeutungBeispiel
„Zigeuner“Abwertende Bezeichnung für Sinti und Roma (häufig bis ins 20. Jh.).„Kind einer Zigeunerin, 1890“
„vag.“Vagabundus (lat.) = „Landstreicher“.„Peter, vag., kein fester Wohnsitz“
„p.u.“Pupa publica (lat.) = „öffentliches Mädchen“ (Prostituierte).„Anna, p.u.“
„in carcere natus“„Im Gefängnis geboren“.„Karl, in carcere natus 1885“

Hintergrund:

  • Sinti und Roma wurden in vielen Ländern nicht in Kirchenbücher eingetragen – stattdessen gab es Polizeiregister.
  • Prostituierte wurden oft nur mit Spitznamen genannt (z. B. „die rote Liese“).
  • Kriminelle (Diebe, Mörder) wurden manchmal unter falschem Namen eingetragen.

Wie Sie in einem solchen Fall weiter vorgehen können

  • Polizeiakten in Staatsarchiven durchsuchen.
  • Gefängnisregister (z. B. im Bundesarchiv).
  • Lokale Chroniken – manchmal wurden „Skandale“ in Zeitungen erwähnt.

Wo findet man Kirchenbücher mit Geheimcodes bzw. weiterführende Informationen?

Dorfkirche

Die folgenden Tabellen bieten Ihnen eine Übersicht über Kirchenarchive und andere Quellen der Ahnenforschung, mithilfe derer man weiterforschen kann.

Archive mit speziellen Registern

ArchivBeständeLink
DiözesanarchiveKatholische Kirchenbücher mit „Bastardbüchern“ und Judematriken.Erzbistum Köln
Landeskirchliche ArchiveEvangelische Register (z. B. Preußen, Württemberg).Landeskirchliches Archiv
StaatsarchiveJudenzählungen, Findelhausakten, Gefängnisregister.Bayerisches Hauptstaatsarchiv
StadtarchiveLokale Kirchenbücher mit Sonderregistern.Lokale Anfrage nötig
Jüdische ArchiveHebräische Matriken, Namenslisten.Central Archives for the History of the Jewish People

Online-Portale mit verschlüsselten Eintragungen

PlattformInhaltLink
ArchionEvangelische Kirchenbücher (inkl. „Bastardbücher“).archion.de
MatriculaKatholische Matriken (mit Judeneintragungen).matricula-online.eu
FamilySearchDigitalisierte Kirchenbücher weltweit.familysearch.org
AncestryIndexierte Kirchenbucheinträge (mit Suchfunktion für Codes).ancestry.com
Gesher GaliciaJüdische Matriken aus Galizien (heute Polen/Ukraine).geshergalicia.org

Weitere Hilfsmittel

Wörterbücher

Um lateinische Eintragungen und Abkürzungen in Kirchenbüchern zu verstehen, können Sie die folgenden Websites nutzen:

Lokale Gepflogenheiten recherchieren

  • Pfarrer hatten eigene „Codes“:
    • In Bayern wurde unehelichen Kindern oft ein „+“ vorangestellt.
    • In Preußen gab es separate „Bastardbücher“.
    • In Österreich wurden Juden manchmal mit einem „I“ (für Israelit) gekennzeichnet.
  • Fragen Sie lokale Historiker:
    • Heimatvereine kennen oft die Gepflogenheiten der örtlichen Pfarrer.
    • Archive bieten Sprechstunden zur Quellenkunde an.

Experten und Foren nutzen

  • Genealogie-Foren: Genealogy.net, Ahnenforschung.de
  • Facebook-Gruppen: „Ahnenforschung Deutschland“, „Jüdische Genealogie“
  • Professionelle Hilfe: Archivare in Staats- oder Diözesanarchiven, Genealogen mit Spezialisierung auf Geheimcodes (z. B. über VGFF).

Tipps für die erfolgreiche Suche nach Geheimcodes

  • Suchen Sie nach separaten Registern: „Bastardbücher“, „Judenzählungen“, „Findelhausakten“.
  • Nutzen Sie Wildcards in Suchmasken: Bei FamilySearch oder Archion nach „incognito“ oder „N.N.“ suchen.
  • Kombinieren Sie Kirchenbücher mit anderen Quellen:
    • Vormundschaftsakten (für uneheliche Kinder).
    • Gerichtsakten (für Alimentationsklagen).
    • Polizeiregister (für Sinti/Roma oder Kriminelle).
  • Fragen Sie in lokalen Archiven nach:
    • Viele Archive haben unverzeichnete Sonderregister.
  • Seien Sie hartnäckig:
    • Nicht alle Codes sind auf den ersten Blick erkennbar – manchmal hilft nur der Vergleich mit anderen Eintragungen.

Bücher (Auswahl)

  • „Geheimcodes in Kirchenbüchern“ – Rainer Polley.
  • „Jüdische Genealogie“ – Angela Waldeyer.
  • „Uneheliche Kinder in der Ahnenforschung“ – Gisela Kron.

Online-Kurse

Datenbanken

Fazit zu ungewöhnlichen Quellen der Ahnenforschung

Bei der Suche nach Quellen der Ahnenforschung bieten Gerichtsakten und Notariatsregister sind einzigartige Einblicke in persönliche Schicksale, Familiengeheimnisse und wirtschaftliche und soziale Verhältnisse zeigen. Sie können Lücken in Kirchenbüchern und anderen Unterlagen schließen. Kirchenbücher bieten zwar viele Informationen, doch diese sind oft verschlüsselt und teils unvollständig, weil z. B. die Väter unehelicher Kinder nicht genannt wurden. Hier helfen sowohl Gerichtsakten als auch viele weitere Quellen wie Findelhausakten oder auch Abkürzungsverzeichnisse u. a. bei unverständlichen Einträgen weiter.

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zu Quellen der Ahnenforschung

  1. Warum sollte man Gerichtsakten als Quelle der Ahnenforschung nutzen?

    Gerichtsakten offenbaren nicht nur die verhandelten Fälle, die Aufschluss über die Familiengeschichte geben, sondern auch die Lebensumstände, bisher unbekannte Verwandte oder andere Beteiligte, über die man weiterrecherchieren kann.

  2. Welche Informationen bieten Notarriatsunterlagen?

    Neben Testamenten bieten Notariatsregister auch Kaufverträge oder Überschreibungen, Eheverträge oder Unterlagen über Handwerksbetriebe oder andere Firmen im Familieneigentum.

  3. Wo kann man diese Unterlagen einsehen?

    Es gibt eine Vielzahl an Möglichkeiten: Lokale Archive sind eine erste Anlaufstelle, aber auch städtische oder Landesarchive), das Bundesarchiv, und auch zahlreiche Websites wie Familysearch.

  4. Kostet die Akteneinsicht Geld?

    Normalerweise ist die Akteneinsicht vor Ort kostenlos, oft ist aber eine Terminvereinbarung nötig. Beim Anfordern von Kopien fallen normalerweise Bearbeitungsgebühren an.

  5. Kann man alle Dokumente einsehen?

    Nach Ablauf gewisser Fristen zum Datenschutz sind Quellen der Ahnenforschung aus Archiven meist allgemein zugänglich. Ausnahmen gibt es z. B. bei den Stasi-Akten im Bundesarchiv, die nur für die eigene Person und eventuell für nahe Angehörige einsehbar sind, sofern ein gewichtiger Grund vorliegt.

  6. Darf ich Unterlagen aus Archiven kopieren oder scannen?

    Das sollte vorab geklärt werden. Oft dürfen die Dokumente aus Datenschutzgründen oder auch zum Schutz des alten Papiers nicht fotografiert oder gescannt werden. In diesem Fall kann man sich bei einem Besuch nur Notizen machen.

  7. Warum sind Kirchenbücher oft mit Geheimcodes verschlüsselt?

    Aus verschiedenen Gründen sind Kirchenbücher oft unvollständig, da gewisse Informationen zensiert oder verschlüsselt wurden, z. B. die Herkunft von Adoptiv- oder unehelichen Kindern.

  8. Wo kann ich weitersuchen, wenn die Kirchenbücher nicht ausreichen?

    In diesem Fall helfen andere Archive, wie Polizeiakten, Diözesearchive, Landeskirchenarchive oder jüdische Archive weiter.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert